Der europäische VC-Markt befindet sich nicht in einer Krise, aber in einer Neuausrichtung. Das Kapital ist da – die Bereitschaft, es auszugeben, folgt anderen Kriterien als noch vor zwei Jahren. Wer heute eine Finanzierungsrunde plant, trifft auf Investoren, die weniger spekulativ denken und stärker auf belastbare Zahlen schauen.
Kapital ist vorhanden, wird aber gezielter eingesetzt
Die großen Fonds haben nach wie vor Kapital zu investieren. Trotzdem dauern Prozesse länger, Deal-Volumen sinken und die Zahl der abgeschlossenen Runden geht zurück. Der Grund liegt nicht in fehlendem Kapital, sondern in veränderten Risikokalkülen. Investoren haben erlebt, wie Bewertungen korrigiert wurden und Exits ausblieben. Das führt zu mehr Zurückhaltung – nicht aus Pessimismus, sondern aus Erfahrung.
Vorbereitung ist wichtiger als Timing
Viele Gründer glauben, dass Fundraising vor allem eine Frage des richtigen Zeitpunkts ist. Wichtiger ist die Frage, ob die Datenlage eine Finanzierung rechtfertigt. Wer zu früh in den Markt geht, verschwendet Kontakte und verliert Glaubwürdigkeit.
Eine gute Vorbereitung bedeutet: transparente Kennzahlen, eine nachvollziehbare Finanzplanung, ein realistisches Szenario für die nächsten 18 bis 24 Monate und eine klare Vorstellung davon, wofür das Kapital eingesetzt wird.
Investor-Fit wird zur Kernfrage
Wenn Kapital selektiver vergeben wird, lohnt es sich, gezielt nach Investoren zu suchen, die das eigene Geschäftsmodell verstehen und einen Mehrwert jenseits des Kapitals bieten können. Weniger Masse, mehr Fokus. Statt 50 Investoren anzuschreiben, kann es sinnvoller sein, zehn gezielt auszuwählen und mit diesen in einen qualitativ hochwertigen Dialog zu treten.
Referenzen und Netzwerke spielen eine größere Rolle. Warm Intros über bestehende Portfolio-Gründer oder Co-Investoren öffnen Türen schneller als Cold Outreach.
Typische Fehler im aktuellen Umfeld
Drei Fehler tauchen immer wieder auf: zu spätes Starten des Prozesses, unrealistische Bewertungserwartungen und fehlende Klarheit über die eigenen Schwächen.
Wer erst dann mit der Finanzierung beginnt, wenn die Runway unter sechs Monate fällt, setzt sich unter Zeitdruck und verliert Verhandlungsspielraum. Bewertungen orientieren sich nicht mehr nur an vergleichbaren Runden aus den Vorjahren. Und Investoren schätzen Ehrlichkeit – wer die eigenen Herausforderungen klar benennen kann, gewinnt mehr Vertrauen.
Neue Fonds 2025: Kapital ist da, aber gezielter investiert
Europäische VCs sammelten im ersten Halbjahr 2025 rund 5 Milliarden Euro für neue Fonds. Die Fokussierung ist eindeutig: FORWARD.one startete einen 200-Millionen-Euro-Fonds für Halbleiter, Climate Tech und Robotik. Serena Capital sammelte 200 Millionen Euro für angewandte KI und Energiewende. Die NRW.BANK legte den NRW.Venture EU Tech&Scale Fonds mit bis zu 200 Millionen Euro auf.
Deep Tech, Climate, Defence und Industrial Innovation dominieren die neuen Fondsstrategien. Consumer-Investments machen bei den 100 aktivsten VC-Firmen nur noch 6 Prozent aus – halb so viel wie vor zwei Jahren.
Die aktivsten Investoren im deutschsprachigen Raum
Im zweiten Quartal 2025 führte der High-Tech Gründerfonds (HTGF) mit 16 Beteiligungen, gefolgt von HV Capital (12 Deals), Bayern Kapital (11) und Project A (10). Die aktivsten Investoren sind überwiegend europäisch – das bedeutet für Gründer: Der Fokus sollte zunächst auf lokalen VCs liegen, die den Markt verstehen und entsprechende Netzwerke mitbringen.
Was Gründer konkret tun sollten
Checkliste: Fundraising-Vorbereitung in 6 Schritten
- Datenlage aufbereiten (4–6 Wochen vorher)
Alle relevanten Kennzahlen dokumentieren: MRR/ARR, CAC, Churn Rate, Burn Rate, Runway. Mit Kontext versehen. - Finanzplanung erstellen (3–4 Wochen vorher)
Drei Szenarien (konservativ, realistisch, optimistisch) für die nächsten 18 bis 24 Monate durchspielen. - Investor-Profil definieren (2–3 Wochen vorher)
Kriterien festlegen: Phase, Ticket-Größe, Branchen-Expertise, geografischer Fokus. Longlist auf 10 bis 15 Zielkontakte reduzieren. - Pitch-Materialien finalisieren (2 Wochen vorher)
Deck, Teaser und Executive Summary konsistent aufeinander abstimmen. - Warm Intros organisieren (1–2 Wochen vorher)
Netzwerk aktivieren: Portfolio-Gründer, Business Angels, Co-Investoren kontaktieren. - Prozess starten und parallel führen
Zeitgleich mit mehreren Investoren in den Dialog gehen. Das erhöht die Vergleichbarkeit und reduziert Zeitverlust.
| Kriterium | Seed-Phase | Series A | Series B+ |
| Umsatz | Erste Zahlungen erwünscht | MRR > 50k€/Monat | ARR > 2 Mio. € |
| Wachstum | Monatliches Wachstum sichtbar | 10–15 % MoM Growth | 3x YoY Growth |
| Team | Gründer mit Domain-Expertise | vollständiges C-Level | skalierbare Strukturen |
| Markt | TAM > 1 Mrd. € | erste Marktanteile messbar | klarer Wettbewerbsvorteil |
| Burn Rate | Runway > 18 Monate | Runway > 15 Monate | Path to Profitability erkennbar |
Die Zahlen sind Richtwerte und variieren je nach Markt und Geschäftsmodell. Aber sie zeigen die Richtung: Je später die Phase, desto stärker die Erwartung an messbare Ergebnisse.
Das aktuelle Umfeld ist anspruchsvoller, aber nicht aussichtslos. Gute Unternehmen mit soliden Fundamenten finden weiterhin Kapital – wenn sie die richtigen Investoren ansprechen und ihre Fundamente sichtbar machen.










